Ein offener Brief  ·  Juli 2026

Wir wollen
nicht gehen.

Von jungen Ingenieurinnen und Ingenieuren der deutschen Automobilindustrie.

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Kurzfassung

Diese Industrie bedeutet uns alles. Sie hat dieses Land zu dem gemacht, was es heute ist. Sie trägt unsere Familien, unsere Städte, uns alle. 2025 schreiben Mercedes und VW Milliardenverluste, hunderttausende Stellen fallen weg bis 2030. Und wir, die Fachkräfte, nach denen gesucht wird, werden trotzdem nicht eingesetzt.

Das macht uns traurig.

Wir wollen kein Mitleid, sondern ein Gespräch. Wir sind bereit, es zu führen!

Unterschreib: Für uns, für die nach uns und für ein Land, das wieder bauen will, nicht nur verwalten.

Konkret

Zu den ausführlichen Forderungen ↓

Wir sind hier.

Wir hätten schweigen können, wie die meisten. Wir haben es nicht getan, weil uns diese Industrie am Herzen liegt.

Die meisten von uns sind duale Studierende im dritten und letzten Jahr. Wir haben etliche Praxiseinsätze hinter uns: In Entwicklung, Produktion und im Feld. In den ersten Wochen eines Einsatzes sieht man klar, wo eine Firma sich selbst im Weg steht. Nach drei Monaten merkt man es selbst nicht mehr. Man hat sich angepasst, ohne es zu merken. Deshalb schreiben wir jetzt. Solange wir noch beides sehen: was ist und was möglich wäre.


Es geht um uns alle.

Ca. 720.000 Menschen arbeiten heute direkt in der Automobilindustrie, der niedrigste Stand seit vierzehn Jahren. Was mit dieser Industrie passiert, passiert mit uns allen: jeder Familie, die von einem Ingenieurgehalt lebt, jeder Stadt, die an der Gewerbesteuer hängt.

Wer das Können seiner Ingenieure verliert, verliert mehr als Arbeitsplätze. Er verliert die Fähigkeit, je wieder Vergleichbares aufzubauen.

Was trotzdem entsteht.

Fahrzeuge auf der Mercedes MMA-Plattform oder die BMW Neue Klasse sind Weltklasse. Und sie entstehen trotz allem, was wir in diesem Brief beschreiben. Dass sie überhaupt existieren, ist das Werk von Menschen, die wirklich abliefern. Auf diese Menschen sind wir stolz.

Was wäre möglich, wenn die Strukturen so gut wären wie die Menschen darin?

Fachkräftemangel?!

Ein Wort, das für uns schwer zu fassen ist. Wir werden gesucht, gleichzeitig werden wir nicht eingesetzt. Das ist kein Widerspruch, das ist das System. Wir kennen Menschen, die sich auf dreißig Stellen beworben haben und nie eine Antwort erhalten haben. In der eigenen Firma, die sie drei Jahre ausgebildet hat. Und am Ende landet die Fachinformatikerin in der Motorenmontage und der Elektrotechnik-Absolvent in der Sachbearbeitung. Etliche Jahre wurden investiert, um unsere Fähigkeiten aufzubauen, dann landen sie am falschen Ort.

Während der Nachwuchs keine Stellen findet, schicken Abfindungsprogramme erfahrene Fachkräfte in die Frührente. Ihr Wissen geht mit ihnen, für immer. Die, die noch brennen, gehen. Die, die innerlich gekündigt haben, bleiben. Und dass ausgerechnet die Besten gehen, ist für uns das Traurigste. Ein einziger dieser Menschen kann ein Team tragen oder eine Entscheidung treffen, die alles verändert.

Vor allem wollen wir nicht in fünf Jahren einem jüngeren Menschen sagen: Geh, solange du noch kannst. Diesen Satz gibt es in dieser Industrie. Wir haben ihn alle gehört.

Am meisten sorgen wir uns nicht um die, die gehen. Sondern um die, die bleiben und aufgehört haben zu glauben.

Der goldene Käfig

Diese Industrie zahlt gut. Aber genau das macht die Probleme so lange unsichtbar. Der promovierte Ingenieur verwaltet sein Wissen in Meetings, statt es anzuwenden. Die Chemikerin war seit ihrer Ausbildung nicht mehr im Labor. Der Maschinenbauer, dessen Freude am Prüfstand langsam erlischt. Das alles sind Menschen, denen ihre Arbeit einmal alles bedeutete. Irgendwann haben sie aufgehört zu fragen, warum sie es heute noch tut.

Unsere Angst ist nicht die Angst vor einem schlechten Job. Es ist die Angst vor einem sehr gut bezahlten Job, an dem man kaputtgeht.

Der goldene Käfig hält nicht wegen der Benefits. Er hält, weil man sich irgendwann abgefunden hat.

Was wir jeden Tag sehen.

An der Hochschule entwickeln wir mit KI, Python, CAD, KiCad und 3D-Druckern: Entwerfen, Testen, Verwerfen, das Produkt besser machen, jeden Tag. In unseren Praxiseinsätzen entwickeln wir mit Excel, Word und PowerPoint. Es mag arrogant klingen, aber dafür sind wir in 90 Prozent der Fälle überqualifiziert. Der Grund ist strukturell: Tesla und BYD entwickeln Hardware in Software-Zyklen. Die deutsche Industrie baut Software in Hardware-Zyklen. Ein System, das auf Abstimmung statt auf Iteration ausgelegt ist, hat für Rapid Prototyping keinen Platz. Genau das aber bräuchte es, um mitzuhalten.

Dazu kommt: Menschen in benachbarten Teams entwickeln dasselbe, weil sie nicht wissen, was der andere macht. Oder noch schlimmer: sie wissen es und machen es trotzdem. Uns wurde gesagt, interne Konkurrenz sei normal. Wir finden das nicht normal, sondern selbstzerstörerisch.

Reden statt handeln. Verwalten statt gestalten. Aussitzen statt anpacken.

Niemand ist zuständig.

Anfragen in HR-Systemen bleiben wochenlang liegen, weil kein Mensch mehr erreichbar ist. Anlagen produzieren seit Monaten Ausschuss, weil keiner sich verantwortlich fühlt. Wir kennen Probleme aus dem Feld, auf die die Entwicklung nicht mit Analysen antwortet, sondern mit Fingerzeig. Das sei nicht ihr Fehler. Das ist selten bösartig, es ist das System, das so gebaut ist. Tesla und BYD sind nicht schneller, weil ihre Ingenieure besser sind als unsere. Sie sind schneller, weil jemand entscheidet, mit dem Ziel das Produkt besser zu machen. Iteration braucht Verantwortung. Wer sie nicht übernehmen darf, kann nicht lernen. Wer nicht lernt, verliert.

An der Hochschule lösen wir gemeinsam. In der Industrie scheitern wir nebeneinander.

Nokia kontrollierte 2007 rund 40 Prozent des weltweiten Handymarkts. Wenige Jahre später war das Unternehmen Geschichte. Nicht weil die Ingenieure schlechter wurden. Weil das System zu langsam war. Wir wollen nicht, dass VW, BMW oder Mercedes in 10 Jahren dasselbe Schicksal ereilt.

Wir sehen nicht ein, warum eine Industrie aus Eitelkeit und ihren eigenen Strukturen langsam verblasst. Und warum alle dabei zusehen.

Was kaum jemand offen ausspricht.

Als VW-Konzernchef Martin Winterkorn 2013 einen Tesla auseinandernehmen ließ, soll er zu seinen Entwicklern gesagt haben: „Ein solches Auto hätte ich von Ihnen erwartet." Man hatte die Antwort vor Augen und hat sich auf das verlassen, was immer gereicht hatte. Cariad sollte die Antwort sein: Etliche Milliarden Euro später musste Porsche trotzdem auf externe Lösungen zurückgreifen. Nicht weil die Menschen schlecht waren. Sondern weil man neue Probleme in alten Strukturen lösen wollte.

Deutschland kann Teslas Weg nicht kopieren. Aber es hat die dichteste Zulieferlandschaft der Welt. Zulieferer und Hersteller in einem Boot: Das wäre unsere Art der vertikalen Integration. Wir sind die Generation, für die kurze Zyklen und gemeinsames Entwickeln keine Methoden aus dem Lehrbuch sind. Das ist unsere Art zu denken.

Jung und erfahren. OEMs und Zulieferer. Gemeinsam wären wir unschlagbar.

Die Chance, die wir haben.

In Deutschland kann Technologie entstehen, der Menschen vertrauen. Produkte, die nicht wenige noch reicher machen, sondern vielen nützen: sicher, langlebig und verantwortungsvoll gebaut. Das ist selten geworden in der Welt. Und es ist etwas wert. Damit das gelingen kann, brauchen wir eine Industrie, die wieder auf Augenhöhe mit der Welt da draußen ist.

Innovativ, sicher und verantwortungsvoll. "Made in Germany", made für die ganze Welt.

Worum wir bitten.

Keinen Bericht. Keine Taskforce. Keine weitere Studie.

Bauen statt planen

Ein Team, ein Ziel, ein Prototyp, statt fünf Abteilungen, ein Lastenheft, kein Ergebnis. Echte Teams in Batterie, Software und autonomem Fahren, die einfach anfangen. Und jedes Projekt zeigt regelmäßig einen funktionierenden Stand, in Hardware, nicht in PowerPoint.

Einsetzen statt verlieren

Wer intern drei Jahre für genau diesen Bereich ausgebildet wurde, bekommt ein Angebot darin, oder eine schriftliche Begründung, warum nicht. Und jede Bewerbung bekommt eine echte, zeitnahe Antwort, kein Schweigen.

Wissen erhalten statt wegschicken

Wer 30 Jahre Erfahrung hat und geht, nimmt sein Wissen mit, für immer. Vor jeder Abfindungswelle: ein dokumentierter Wissenstransfer mit einem namentlich benannten Verantwortlichen.

Können statt Aufstieg

Wer am besten entwickelt, sollte nicht ins Management wechseln müssen, um mehr zu verdienen oder ernst genommen zu werden. Technische Laufbahnen, finanziell und im Status gleichwertig zur Führungslaufbahn.

Verantwortung statt Silo

Wer eine technische Entscheidung trifft, trägt die Folgen, über Abteilungsgrenzen hinweg. Probleme aus Feld und Produktion werden in der Entwicklung direkt gelöst, nicht weitergereicht. Antwort heißt Analyse, nicht Fingerzeig.

Wir sind bereit, diese Räume mitzugestalten und uns an Ergebnissen messen zu lassen. Nicht in zehn Jahren, direkt ab morgen.


Wir wollen nicht gehen.

Wir wollen bleiben und bauen: an Antrieben, die besser sind als alles bisher Dagewesene, an exzellenter Software, an Produkten, auf die man in 50 Jahren noch stolz ist.

Die Fähigkeiten, das Wissen und vor allem die Menschen sind da. Sie brauchen nur den Raum, es zu tun.

Wer glaubt, wir warten für immer, hat nie verstanden, worum es hier wirklich geht: Unsere Zukunft.

Wenn du das liest und dich darin erkennst: Unterschreib. Für uns, für die nach uns und für ein Land, das wieder bauen will, nicht nur verwalten.

Lasst es uns gemeinsam versuchen.

Initiiert von jungen Ingenieurinnen und Ingenieuren der deutschen Automobilindustrie  ·  Juli 2026

Jetzt unterschreiben.

Dein Name, deine Berufsbezeichnung. Das reicht. Gemeinsam sind wir lauter.

Nach dem Unterschreiben

Was jetzt.

1

Schick den Brief an eine Person, die entscheidet.

Nicht in die Timeline. Direkt. An eine Führungskraft, einen Professor, einen Betreuer, dem du vertraust. Eine Mail reicht. Eine Zeile warum, reicht.

2

Sprich es aus.

In deiner Abteilung, in deinem Jahrgang, beim nächsten Kaffee. Nicht als Beschwerde. Als Frage: Erkennst du das? Du wirst überrascht sein, wer nickt.

3

Erzähl uns, was dich bewegt hat.

Ein Satz. Anonym. Diese Stimmen nehmen wir mit in jedes Gespräch, das daraus folgt.

Unterzeichnet von

1
Unterzeichnungen
MM
Max Mehlhorn
Dualer Student Elektrotechnik
Mercedes-Benz
LB
Leon Binder
Dualer Student Elektrotechnik
Mercedes-Benz
BR
Ben Rietschel
Dualer Student Elektrotechnik
Mercedes-Benz
LS
Luca Scheid
Dualer Student Elektrotechnik
Porsche
LD
Lukas Decker
Dualer Student Elektrotechnik
Mercedes-Benz
YJ
Yannik Jäger
Dualer Student Elektrotechnik
Mercedes-Benz
SH
Sina Hegemann
Duale Studentin Elektrotechnik
Fraunhofer ISE
ST
Sultan Tabul
Dualer Student Elektrotechnik
Mercedes-Benz
HN
Hai-Nam Nguyen
Dualer Student Elektrotechnik
Opel
FH
Faik Hadutoglu
Dualer Student Elektrotechnik
Opel
VS
Vincent Steck
Dualer Student Elektrotechnik
ZF Friedrichshafen
CH
Christian Helten
Student Elektrotechnik
TU München
NS
Nikolaj Schmidt
Dualer Student Elektrotechnik
Daimler Buses
AB
Angus Bach
Dualer Student Elektrotechnik
Opel
TC
Timon Cwik
Dualer Student Wirtschaftsingenieurwesen
Daimler Truck
NS
Norbert Skrzyniarz
Dualer Student Elektrotechnik
Mercedes-Benz
SB
Sarah Bouslimani
Duale Studentin Elektrotechnik
Mercedes-Benz
UR
Ulf René Röntgen
Dualer Student Elektrotechnik
Audi
NP
Nicole Pucilowska
Duale Studentin
Mercedes-Benz
MI
Moritz Inderwies
Dualer Student IT-Automotive
Mercedes-Benz
FK
Finn Konopatzki
Dualer Student Elektrotechnik
Continental AG
LS
Luca Schultz
Dualer Student Informatik
Mercedes-Benz
AG
Arshpreet Singh Ghotra
Dualer Student Embedded Systems Automotive
Bertrandt Group
JR
Josia Roß
Dualer Student Elektrotechnik
Mercedes-Benz
LM
Laurin Mrugowski
Dualer Student Maschinenbau
Friotherm
JS
Jonathan Scheideler
Dualer Student Elektrotechnik
DHBW Friedrichshafen
HH
Helge Häußler
Dualer Student Embedded Systems Automotive
ZF Lifetec
PP
Paul Prätorius
Dualer Student Elektrotechnik
Mercedes-Benz
SS
Samuel Seibold
Dualer Student Elektrotechnik
Hensoldt
CH
Christian Honold
Dualer Student Elektrotechnik
DHBW Friedrichshafen
TH
Tom Holzapfel
Dualer Student Maschinenbau
DHBW Friedrichshafen
EP
Elias Prinz
Dualer Student Maschinenbau
Bosch
LK
Levent Kanca
Dualer Student Elektrotechnik
AUMOVIO
GG
Gregor Gottschewski
Dualer Student Informatik
Mercedes-Benz
AS
Arne Sponer
Dualer Student Informatik
Porsche
VM
Vincent Müller
Dualer Student Informatik
Airbus D&S
TW
Till Jakob Winter
Dualer Student Embedded Systems
Mercedes-Benz
LO
Luca Oettel
Dualer Student Informatik
Mercedes-Benz
LG
Lilli Gaide
Duale Studentin Elektrotechnik
Porsche
JS
Johannes Spranger
Dualer Student Embedded Systems
Mercedes-Benz
FP
Finn Pokar
Masterand
Uni Stuttgart
BS
Benni Stauder
Studierter Informatiker
DHBW Stuttgart