Kurzfassung
Diese Industrie bedeutet uns alles. Sie hat dieses Land zu dem gemacht, was es heute ist. Sie trägt unsere Familien, unsere Städte, uns alle. 2025 schreiben Mercedes und VW Milliardenverluste, hunderttausende Stellen fallen weg bis 2030. Und wir, die Fachkräfte, nach denen gesucht wird, werden trotzdem nicht eingesetzt.
Das macht uns traurig.
Wir wollen kein Mitleid, sondern ein Gespräch. Wir sind bereit, es zu führen!
Unterschreib: Für uns, für die nach uns und für ein Land, das wieder bauen will, nicht nur verwalten.
Wir sind hier.
Wir hätten schweigen können, wie die meisten. Wir haben es nicht getan, weil uns diese Industrie am Herzen liegt.
Die meisten von uns sind duale Studierende im dritten und letzten Jahr. Wir haben etliche Praxiseinsätze hinter uns: In Entwicklung, Produktion und im Feld. In den ersten Wochen eines Einsatzes sieht man klar, wo eine Firma sich selbst im Weg steht. Nach drei Monaten merkt man es selbst nicht mehr. Man hat sich angepasst, ohne es zu merken. Deshalb schreiben wir jetzt. Solange wir noch beides sehen: was ist und was möglich wäre.
Es geht um uns alle.
Ca. 720.000 Menschen arbeiten heute direkt in der Automobilindustrie, der niedrigste Stand seit vierzehn Jahren. Was mit dieser Industrie passiert, passiert mit uns allen: jeder Familie, die von einem Ingenieurgehalt lebt, jeder Stadt, die an der Gewerbesteuer hängt.
Was trotzdem entsteht.
Fahrzeuge auf der Mercedes MMA-Plattform oder die BMW Neue Klasse sind Weltklasse. Und sie entstehen trotz allem, was wir in diesem Brief beschreiben. Dass sie überhaupt existieren, ist das Werk von Menschen, die wirklich abliefern. Auf diese Menschen sind wir stolz.
Fachkräftemangel?!
Ein Wort, das für uns schwer zu fassen ist. Wir werden gesucht, gleichzeitig werden wir nicht eingesetzt. Das ist kein Widerspruch, das ist das System. Wir kennen Menschen, die sich auf dreißig Stellen beworben haben und nie eine Antwort erhalten haben. In der eigenen Firma, die sie drei Jahre ausgebildet hat. Und am Ende landet die Fachinformatikerin in der Motorenmontage und der Elektrotechnik-Absolvent in der Sachbearbeitung. Etliche Jahre wurden investiert, um unsere Fähigkeiten aufzubauen, dann landen sie am falschen Ort.
Während der Nachwuchs keine Stellen findet, schicken Abfindungsprogramme erfahrene Fachkräfte in die Frührente. Ihr Wissen geht mit ihnen, für immer. Die, die noch brennen, gehen. Die, die innerlich gekündigt haben, bleiben. Und dass ausgerechnet die Besten gehen, ist für uns das Traurigste. Ein einziger dieser Menschen kann ein Team tragen oder eine Entscheidung treffen, die alles verändert.
Vor allem wollen wir nicht in fünf Jahren einem jüngeren Menschen sagen: Geh, solange du noch kannst. Diesen Satz gibt es in dieser Industrie. Wir haben ihn alle gehört.
Der goldene Käfig
Diese Industrie zahlt gut. Aber genau das macht die Probleme so lange unsichtbar. Der promovierte Ingenieur verwaltet sein Wissen in Meetings, statt es anzuwenden. Die Chemikerin war seit ihrer Ausbildung nicht mehr im Labor. Der Maschinenbauer, dessen Freude am Prüfstand langsam erlischt. Das alles sind Menschen, denen ihre Arbeit einmal alles bedeutete. Irgendwann haben sie aufgehört zu fragen, warum sie es heute noch tut.
Unsere Angst ist nicht die Angst vor einem schlechten Job. Es ist die Angst vor einem sehr gut bezahlten Job, an dem man kaputtgeht.
Was wir jeden Tag sehen.
An der Hochschule entwickeln wir mit KI, Python, CAD, KiCad und 3D-Druckern: Entwerfen, Testen, Verwerfen, das Produkt besser machen, jeden Tag. In unseren Praxiseinsätzen entwickeln wir mit Excel, Word und PowerPoint. Es mag arrogant klingen, aber dafür sind wir in 90 Prozent der Fälle überqualifiziert. Der Grund ist strukturell: Tesla und BYD entwickeln Hardware in Software-Zyklen. Die deutsche Industrie baut Software in Hardware-Zyklen. Ein System, das auf Abstimmung statt auf Iteration ausgelegt ist, hat für Rapid Prototyping keinen Platz. Genau das aber bräuchte es, um mitzuhalten.
Dazu kommt: Menschen in benachbarten Teams entwickeln dasselbe, weil sie nicht wissen, was der andere macht. Oder noch schlimmer: sie wissen es und machen es trotzdem. Uns wurde gesagt, interne Konkurrenz sei normal. Wir finden das nicht normal, sondern selbstzerstörerisch.
Niemand ist zuständig.
Anfragen in HR-Systemen bleiben wochenlang liegen, weil kein Mensch mehr erreichbar ist. Anlagen produzieren seit Monaten Ausschuss, weil keiner sich verantwortlich fühlt. Wir kennen Probleme aus dem Feld, auf die die Entwicklung nicht mit Analysen antwortet, sondern mit Fingerzeig. Das sei nicht ihr Fehler. Das ist selten bösartig, es ist das System, das so gebaut ist. Tesla und BYD sind nicht schneller, weil ihre Ingenieure besser sind als unsere. Sie sind schneller, weil jemand entscheidet, mit dem Ziel das Produkt besser zu machen. Iteration braucht Verantwortung. Wer sie nicht übernehmen darf, kann nicht lernen. Wer nicht lernt, verliert.
An der Hochschule lösen wir gemeinsam. In der Industrie scheitern wir nebeneinander.
Nokia kontrollierte 2007 rund 40 Prozent des weltweiten Handymarkts. Wenige Jahre später war das Unternehmen Geschichte. Nicht weil die Ingenieure schlechter wurden. Weil das System zu langsam war. Wir wollen nicht, dass VW, BMW oder Mercedes in 10 Jahren dasselbe Schicksal ereilt.
Was kaum jemand offen ausspricht.
Als VW-Konzernchef Martin Winterkorn 2013 einen Tesla auseinandernehmen ließ, soll er zu seinen Entwicklern gesagt haben: „Ein solches Auto hätte ich von Ihnen erwartet." Man hatte die Antwort vor Augen und hat sich auf das verlassen, was immer gereicht hatte. Cariad sollte die Antwort sein: Etliche Milliarden Euro später musste Porsche trotzdem auf externe Lösungen zurückgreifen. Nicht weil die Menschen schlecht waren. Sondern weil man neue Probleme in alten Strukturen lösen wollte.
Deutschland kann Teslas Weg nicht kopieren. Aber es hat die dichteste Zulieferlandschaft der Welt. Zulieferer und Hersteller in einem Boot: Das wäre unsere Art der vertikalen Integration. Wir sind die Generation, für die kurze Zyklen und gemeinsames Entwickeln keine Methoden aus dem Lehrbuch sind. Das ist unsere Art zu denken.
Die Chance, die wir haben.
In Deutschland kann Technologie entstehen, der Menschen vertrauen. Produkte, die nicht wenige noch reicher machen, sondern vielen nützen: sicher, langlebig und verantwortungsvoll gebaut. Das ist selten geworden in der Welt. Und es ist etwas wert. Damit das gelingen kann, brauchen wir eine Industrie, die wieder auf Augenhöhe mit der Welt da draußen ist.
Worum wir bitten.
Keinen Bericht. Keine Taskforce. Keine weitere Studie.
Bauen statt planen
Ein Team, ein Ziel, ein Prototyp, statt fünf Abteilungen, ein Lastenheft, kein Ergebnis. Echte Teams in Batterie, Software und autonomem Fahren, die einfach anfangen. Und jedes Projekt zeigt regelmäßig einen funktionierenden Stand, in Hardware, nicht in PowerPoint.
Einsetzen statt verlieren
Wer intern drei Jahre für genau diesen Bereich ausgebildet wurde, bekommt ein Angebot darin, oder eine schriftliche Begründung, warum nicht. Und jede Bewerbung bekommt eine echte, zeitnahe Antwort, kein Schweigen.
Wissen erhalten statt wegschicken
Wer 30 Jahre Erfahrung hat und geht, nimmt sein Wissen mit, für immer. Vor jeder Abfindungswelle: ein dokumentierter Wissenstransfer mit einem namentlich benannten Verantwortlichen.
Können statt Aufstieg
Wer am besten entwickelt, sollte nicht ins Management wechseln müssen, um mehr zu verdienen oder ernst genommen zu werden. Technische Laufbahnen, finanziell und im Status gleichwertig zur Führungslaufbahn.
Verantwortung statt Silo
Wer eine technische Entscheidung trifft, trägt die Folgen, über Abteilungsgrenzen hinweg. Probleme aus Feld und Produktion werden in der Entwicklung direkt gelöst, nicht weitergereicht. Antwort heißt Analyse, nicht Fingerzeig.
Wir sind bereit, diese Räume mitzugestalten und uns an Ergebnissen messen zu lassen. Nicht in zehn Jahren, direkt ab morgen.
Wir wollen nicht gehen.
Wir wollen bleiben und bauen: an Antrieben, die besser sind als alles bisher Dagewesene, an exzellenter Software, an Produkten, auf die man in 50 Jahren noch stolz ist.
Die Fähigkeiten, das Wissen und vor allem die Menschen sind da. Sie brauchen nur den Raum, es zu tun.
Wer glaubt, wir warten für immer, hat nie verstanden, worum es hier wirklich geht: Unsere Zukunft.
Wenn du das liest und dich darin erkennst: Unterschreib. Für uns, für die nach uns und für ein Land, das wieder bauen will, nicht nur verwalten.
Lasst es uns gemeinsam versuchen.
Initiiert von jungen Ingenieurinnen und Ingenieuren der deutschen Automobilindustrie · Juli 2026